Dienstag, 4. Oktober 2011

die zukunft...

   ...sah in meiner kindheit metallisch und glänzend aus. stromlinienförmige fliewatüüts zischten durch von modelleisenbahnhaftem grün durchzogene wohnmaschinenagglomerationen, um wissenschaftler/ärzte/astronauten zu ihren labors/operationssälen/weltraumfahrzeugen zu bringen. man kann in den außenbezirken größerer städte noch heute ein paar überbleibsel der zukunft finden, allerdings recht speckig, und mit gegen null strebendem astronautenanteil.
   auch die fliewatüüts lassen an funktionsvielvalt durchaus zu wünschen übrig, sind sie doch bei näherer betrachtung den sog. automobilen, die besagter zukunft zeitgenössisch zur seite gestellt waren, nur in eher unspektakulären details überlegen - atomreaktoren findet man in ihnen selten bis gar nicht, und fliegen kann man damit nur ausgesprochen unabsichtlich.
   nun könnte man meinen, jene zukunft sei endgültig abgelöst von jenen anderen zukünften, die in meiner jugend en vogue wurden und um einiges dystopischer waren. ein gewisser herr orwell wurde, wenn schon nicht gelesen, so doch umso häufiger im munde geführt, doch hatte die mit ihm verbundene, alles überwachende und von grausigen, allwissenden schrankcomputern bevölkerte faschistoidale zukunft mit der konkurrenz der zeitgleich aufkommenden ökokatastrophenzukunft zu kämpfen, die eine reiche bilderwelt von baumlosen wüsteneien bot, in der mithilfs durchgeknallter atomkraftwerke zu drei- und vieräugigen mollusken mutierte restmenschen krochen, die sich gegenseitig den garaus machten. es entbehrt hierbei nicht der ironie, daß ausgerechnet die totalitäre zukunft auch die erste war, die ihre macht mit einer anderen teilen mußte.
   dann drängelte sich auf einmal völlig unerwarteterweise eine positive zukunft in den kreis der griesgrämigen dystopien - ein gewisser mauerfall hatte hinz und kunz das hirn rosa vernebelt; und so war man sich unter zukunftsexperten einig: auch wenn nach wie vor das damoklesschwert der umweltkatastrophen über dem zukunftssektor hing, so würde die menschheit doch zumindest geeint und ohne kriege in der stinkebrühe verrecken.
  
   heute wissen wir, daß die lage keineswegs so rosig ist, wie man es sich noch vor wenigen jahren erhofft hatte. der markt für zukunft ist stark zersplittert; neben dauerbrennern wie "umwelt" oder "bewaffnete konflikte" sind retrotrends wie "die jugend von heute", "das abendland versinkt" oder "es dreht sich alles nur im kreis" dominierend; echte zukunft baut man eigentlich nicht mehr. es gibt nur noch teilzukünfte, die nach geschmack kombinierbar sind, und im prinzip jede marktlücke abdecken sollten, wenn sie nicht samt und sonders dem diktat der dystopie folgen würden. eine kleidsame, naive zukunft im stil der frühen sechziger wäre zwar genauso retro, hätte aber durchaus aufmunternde und positive wirkung. zeit wird's, so etwas bei den zukunftscouturiers in auftrag zu geben. die haltbarkeit tut nichts zur sache - zukunft hatte noch nie etwas mit der gegenwart zu tun, zu der sie werden soll, sondern ausschließlich mit der, die sie schuf.

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