Donnerstag, 13. Oktober 2011

himmel und hölle

wenn mehrere einem mehr oder minder nahestehende personen zeitnah furchteinflößende diagnosen erhalten, fragt man sich dies oder jenes: wann bin ich dran? bin ich überhaupt dran? wenn ich nicht bald dran bin - hab ich das verdient? wenn ja, wodurch? und wer ist eigentlich dieser komische herr karma?

meine tante, auf gottesfürchtigem hause, und nach ebenjenem und dem bilde meiner großeltern nach wohlgeraten, weiß bescheid. der herr gibts, der herr nimmts, und seine wege sind unerforschlich. ich habe größte hochachtung vor ihrem gott, der überall gleichzeitig ist, 7 millionen menschen simultan innen- und außenüberwacht (und das wohl komplett trojanerlos), und gleichzeitig die abermilliarden bereits verstorbenen nach uns nur teilweise einsichtigen ethischen maßstäben aburteilt.

ich für meinen teil wüßte zu gern, welche meiner handlungen und/oder gedanken mich für die hölle bzw das paradies qualifizieren könnten - ich wage nur in wenigen fällen eine prognose zu stellen. richtig böse bin ich ja nicht; ich habe zumindest nur einen verschwindend geringen prozentsatz meiner kinetischen energie darauf verwendet, anderen zu schaden, und auch das meist nur beim monopoly. der grund dafür wiederum liegt nur zum teil in meiner güte und milde, weitaus öfter ist er in indifferenz und stinkender faulheit zu suchen. letzteres wiederum gilt als eine der todsünden. bin ich nun dem fegefeuer oder gar den ewigen qualen geweiht, weil ich zu faul war, anderen eins überzubraten? ach so, ich muß ohnehin da runter, denn ich bin ja evangelisch getauft. die katholiken kommen allerdings ebensowenig davon, glaubt man diversen protestantischen sekten. laut beipflichtend applaudieren zahlreiche muslime, welcher strömung sie jetzt auch immer genau angehören mögen, ich kenn mich da nicht so aus. frage: kloppen sich allah und gott irgendwo, oder feixen sie gemeinsam? daß sie ein und dasselbe sind, ist mir ja schon fast wieder zu wohlfeil.

ich persönlich halte folgendes szenario für weitaus realistischer: wenn gott mich nach seinem bilde schuf, muß er ja auch mindestens so schusselig und verplant sein wie ich. gut, er ist allmächtig, das mag hinhauen. aber allwissend? und in allem? bei mir ist alles überall, aber ich hab keine ahnung, wo. und so hat gott uns vermutlich auch verlegt. irgendwo hingetan, weil er noch was anderes zu tun hatte, und jetzt findet er uns nicht mehr wieder. und deswegen hat eine mir nahestehende person demnächst eine schwere op vor sich, und ein anderer, sehr gewertschätzter mensch völlig unverdienterweise einen noch undiagnostizierten golfball im kopf, und ich hab - vorläufig - nix. ebenso unverdient. weil gott nicht durchblickt. nehmt es hin, christen, moslems, hindus, juden - es ist wie beim amt. wessen akte verlorengegangen ist, der kriegt seine rückzahlung später. wer in die stichprobe fällt, der kriegt auf den deckel. und hier wie dort hilft es nichts, sich zu ärgern. sorry.

Dienstag, 4. Oktober 2011

die zukunft...

   ...sah in meiner kindheit metallisch und glänzend aus. stromlinienförmige fliewatüüts zischten durch von modelleisenbahnhaftem grün durchzogene wohnmaschinenagglomerationen, um wissenschaftler/ärzte/astronauten zu ihren labors/operationssälen/weltraumfahrzeugen zu bringen. man kann in den außenbezirken größerer städte noch heute ein paar überbleibsel der zukunft finden, allerdings recht speckig, und mit gegen null strebendem astronautenanteil.
   auch die fliewatüüts lassen an funktionsvielvalt durchaus zu wünschen übrig, sind sie doch bei näherer betrachtung den sog. automobilen, die besagter zukunft zeitgenössisch zur seite gestellt waren, nur in eher unspektakulären details überlegen - atomreaktoren findet man in ihnen selten bis gar nicht, und fliegen kann man damit nur ausgesprochen unabsichtlich.
   nun könnte man meinen, jene zukunft sei endgültig abgelöst von jenen anderen zukünften, die in meiner jugend en vogue wurden und um einiges dystopischer waren. ein gewisser herr orwell wurde, wenn schon nicht gelesen, so doch umso häufiger im munde geführt, doch hatte die mit ihm verbundene, alles überwachende und von grausigen, allwissenden schrankcomputern bevölkerte faschistoidale zukunft mit der konkurrenz der zeitgleich aufkommenden ökokatastrophenzukunft zu kämpfen, die eine reiche bilderwelt von baumlosen wüsteneien bot, in der mithilfs durchgeknallter atomkraftwerke zu drei- und vieräugigen mollusken mutierte restmenschen krochen, die sich gegenseitig den garaus machten. es entbehrt hierbei nicht der ironie, daß ausgerechnet die totalitäre zukunft auch die erste war, die ihre macht mit einer anderen teilen mußte.
   dann drängelte sich auf einmal völlig unerwarteterweise eine positive zukunft in den kreis der griesgrämigen dystopien - ein gewisser mauerfall hatte hinz und kunz das hirn rosa vernebelt; und so war man sich unter zukunftsexperten einig: auch wenn nach wie vor das damoklesschwert der umweltkatastrophen über dem zukunftssektor hing, so würde die menschheit doch zumindest geeint und ohne kriege in der stinkebrühe verrecken.
  
   heute wissen wir, daß die lage keineswegs so rosig ist, wie man es sich noch vor wenigen jahren erhofft hatte. der markt für zukunft ist stark zersplittert; neben dauerbrennern wie "umwelt" oder "bewaffnete konflikte" sind retrotrends wie "die jugend von heute", "das abendland versinkt" oder "es dreht sich alles nur im kreis" dominierend; echte zukunft baut man eigentlich nicht mehr. es gibt nur noch teilzukünfte, die nach geschmack kombinierbar sind, und im prinzip jede marktlücke abdecken sollten, wenn sie nicht samt und sonders dem diktat der dystopie folgen würden. eine kleidsame, naive zukunft im stil der frühen sechziger wäre zwar genauso retro, hätte aber durchaus aufmunternde und positive wirkung. zeit wird's, so etwas bei den zukunftscouturiers in auftrag zu geben. die haltbarkeit tut nichts zur sache - zukunft hatte noch nie etwas mit der gegenwart zu tun, zu der sie werden soll, sondern ausschließlich mit der, die sie schuf.